„Gottlose müssen keine Strafe fürchten“

SPIEGEL ONLINE
Der amerikanische Evolutionspsychologe Will Gervais, 34, über das weltweit tief verwurzelte Misstrauen gegenüber Ungläubigen
SPIEGEL: Ihr Team hat in 13 Ländern erforscht, was die Menschen dort von der Moral der Atheisten halten. Was kam bei der Studie heraus?
Gervais: Wer an keinen Gott glaubt, dem trauen die Leute viel eher schlimme Dinge zu – und zwar in fast allen untersuchten Ländern von den USA bis nach China oder Singapur. Die einzige Ausnahme war Finnland.
SPIEGEL: Woher kommt dieser Argwohn?


Gervais: Da sich Atheisten keinem höheren Wesen unterstellen, haben sie auch nicht dessen Strafe für unmoralische Taten zu befürchten. Wohl deshalb glaubten unsere Probanden dann eher, diese Gottlosen seien zu allem fähig.
SPIEGEL: Lässt sich solches Ressentiment nur in mehrheitlich religiösen Gesellschaften feststellen?
Gervais: Keineswegs. Extreme Vorurteile fanden wir auch in säkularen Ländern wie Tschechien, Australien oder den Niederlanden. Dort waren sie nur nicht ganz so stark ausgeprägt wie etwa in den Vereinigten Arabischen Emiraten oder in Indien.
SPIEGEL: Wie sind Sie auf Ihre Befunde gekommen?
Gervais: Wir ermittelten mit einem bewährten Vorurteilstest, wem die Befragten einen fiktiven Serienmord an fünf Obdachlosen eher zutrauten – einem Gläubigen oder einem Atheisten. Die Wahrscheinlichkeit, dass es Letztere traf, war in der Regel rund doppelt so hoch.
SPIEGEL: Misstrauen Gläubige nicht eher den Anhängern einer anderen Religion?
Gervais: Nein, Andersgläubige schneiden im Vergleich immer noch besser ab. Wir wissen zum Beispiel aus früheren Studien, dass amerikanische Christen ihre Kinder sogar lieber mit Muslimen verheiratet sähen als mit Menschen, die an gar nichts glauben.
SPIEGEL: Sind umgekehrt auch die Atheisten den Gläubigen gegenüber argwöhnisch?
Gervais: Nein, erstaunlicherweise finden selbst die Ungläubigen ihresgleichen moralisch weniger verlässlich. Sie würden es wohl, direkt befragt, nicht so sehen. Aber unser indirekter Test offenbart, wie tief diese Haltung verwurzelt ist.
SPIEGEL: Steckt in dem Misstrauen gegen Gottlose ein höherer Sinn?
Gervais: Früher in der Menschheitsgeschichte hat dieses Vorurteil wohl das Aufkommen großer arbeitsteiliger Gesellschaften gefördert. Fremde mussten einander vertrauen, um kooperieren zu können. Das gelang besser, wenn sich alle unter der gleichen übernatürlichen Aufsicht glaubten.
SPIEGEL: Aber heute finden wir gerade in den hoch organisierten säkularen Gesellschaften des Westens die weitestgehende Kooperation.
Gervais: Trotzdem wirkt das überlieferte Denkmuster offenbar noch lange nach.
SPIEGEL: Auch religiöse Menschen sind zu Missetaten imstande. Zählt das nicht?
Gervais: Wir haben zur Kontrolle eine Begleitstudie gemacht. Darin war von einem Priester die Rede, der jahrzehntelang Kinder missbraucht hat. Die Leute ließen sich aber davon in ihren Denkmustern nicht groß erschüttern. Sie nahmen dann einfach an, dass ein solcher Priester eben nicht mehr an Gott glaube.
Von Mdw

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